23.11.20


Vom Pathos der Distanz

Der folgende kleine Artikel behandelt den Gedanken einer "vornehmen Haltung", die sich abhebt von einer "Herdentiermoral".
Im Regelbetrieb eines Schulsystems ist eine Herdentiermoral in ihrer groben Form (auch unter den aktiv Beteiligten) gleichsam unerlässlich, hält diese doch das System an sich am Leben. Dabei folgen Lehrerinnen und Lehrer gelegentlich aber zu sehr (und vielleicht manchmal auch blind) der vorherrschenden System-Moral. Eine solche Haltung aber führt dann nicht selten zu einer Art Erfüllungsdruck, die den Blick für das Eigentliche verstellt.
Dem hektischen Verlauf eines Schulalltags mit seinen Ansprüchen, seinen scheinbaren oder tatsächlichen Wichtigkeiten sowie den kleinen oder großen Übergriffigkeiten stellt Nietzsche eine Gelassenheit gegenüber, die jenseits abkürzender Schnell-Lösungen den Kontakt mit deren Kehrseiten sucht und dabei auch die paradoxen Verhältnisse berücksichtigt. Eine wichtige Fähigkeit einer solchen Haltung umschreibt Nietzsche mit dem Begriff „Pathos der Distanz“.


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Herdenmoral oder das Pathos der Vornehmheit1)
In einem seiner letzten Bücher (Jenseits von Gut und Böse) beschäftigt sich Nietzsche mit der Vornehmheit und widmet ihr auch einen ganzen Katalog perspektivischer Eigenschaften. Sein grundlegendes Resümee lautet dabei: „Die vornehme Seele hat Ehrfurcht vor sich. –“
Nietzsche zufolge entstehen Werte und Forderungen für den vornehmen Menschen aus einem inneren Reichtum, die ihn von der Meinung anderer weitestgehend befreit.
„Die vornehme Art Mensch fühlt sich als werthbestimmend, sie hat nicht nöthig, sich gutheissen zu lassen, sie urtheilt 'was mir schädlich ist das ist an sich schädlich', sie weiß sich als Das, was überhaupt erst Ehre den Dingen verleiht, sie ist wertheschaffend.“
Der Vornehme ist jemand, der sich den Dingen stellt, ohne sofort eine Lösung anbieten zu müssen, der es wagt, sich dem schlechten Willen Anderer auszusetzen.
„Vornehm ist das Jasagen, Lieben, der Umgang mit dem, den ich bejahen und lieben kann. Der Vornehme weiß ‚nicht zu leben, ohne zu verehren‘. Er vermag nicht Nein zu sagen, wo er nicht zuerst bejaht“.
Der Vornehme glaubt seinen eigenen Gesetzen. Er ist nicht darauf angewiesen, auf jeden Reiz wie automatisch zu reagieren. Gleichgültig woher der Reiz kommt oder von wem der Reiz ausgeht, der Starke reagiert auf fremde Reize mit Gelassenheit, er „prüft den Reiz, der herankommt, er ist fern davon, ihm entgegenzugehen.“ Eine solche Haltung ist nicht darauf angewiesen, die unausgesprochenen Erwartungen anderer zu bedienen, um eine möglichst gute Meinung über sich zu erwirken. Der Vornehme lehnt es ab, mit den Wünschen anderer zu verschmelzen. Nietzsche umschreibt eine solche Haltung der Vornehmheit mit dem Begriff ‚Pathos der Distanz‘. Im Pathos der Distanz erhebt sich der Vornehme und Starke zu sich selbst, er setzt seine Werte, ohne sich des Rückhaltes der Gemeinschaft zu versichern. Ziel des Vornehmen ist es, aus „sich eine ganze Person [zu] machen und in Allem, was man thut, deren höchstes Wohl in’s Auge [zu] fassen.  

Die Schwachen dagegen versammeln sich „unter dem Schutz täuschender moralischer Etikette“ zu einer Herdentiermoral, aus der keiner herausragt und die jeden Zusammenhang zwischen Erkennen und persönlichem Interesse insofern zunichtemacht, als sie ihre alle gleichschaltende Herdenmoral zum obersten Prinzip erhebt. Diese Menschen sind nicht fähig, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben, und erfahren ihre Identität, ihre Werte und Wertsetzungen ausschließlich über die Herde. „Seid ihr zu schwach, euch selber Gesetze zu geben“, schreibt Nietzsche zynisch, „so soll ein Tyrann auf euch sein Joch legen und sagen: ‚gehorcht, knirscht und gehorcht‘ – und alles Gute und Böse soll im Gehorsam gegen ihn ertrinken.“
Die Übereinstimmung mit möglichst vielen einer Gemeinschaft zeugt für Nietzsche von einem schlechten Geschmack, da sie die eigene Wertsetzung verflachen lässt. Ein Gemeingut lehnt Nietzsche kategorisch ab, weil es einen Widerspruch in sich darstellt: „was gemein sein kann hat immer nur wenig Wert“.
Das Pathos der Distanz dagegen entbindet den einzelnen Menschen gleichsam von sich selbst und seinen drängenden Impulsen. Es erschafft einen Spielraum, in dem der Vornehme auch seine egoistischen Züge nicht verschämt verschleiern muss, sondern dazu „befähigt“ (!) wird, diese „ohne ein Gefühl von Härte Zwang“ als „Urgesetz der Dinge“ zu leben.

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1 Dieser Beitrag wurde in Anlehnung an das Kap. 2.5.2 (Sklavendasein und Vornehmheit, S. 145ff) meiner Dissertation verfasst.
Die Dissertation ist unter dem Link https://voado.uni-vechta.de/handle/21.11106/92 (Stand: 15.9.2018) einsehbar.

17.11.20

Philosoph - Erzieher - Rattenfänger

Auch Nietzsche kokettierte gelegentlich in seiner besonderen Art mit dem Bild des Rattenfängers (s.dazu den Beitrag vom 11.9.20). Und obwohl das Wort 'Rattenfänger' bei Nietzsche nicht vorkommt, zielen seine Gedanken in eine ähnliche Richtung.

„Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu sich hinaufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers zugestehen.
Ein Erzieher sagt nie, was er selber denkt sondern immer nur, was er im Verhältniß zum Nutzen Dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht errathen werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt.
Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohns vorwärts, Andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und Böse; aber Niemand darf es wissen.“
(aus: Friedrich Nietzsche, Nachlaß 1884-1885 in: KSA XI, 580)

25.09.20

Den Paradoxien im Schulalltag auf der Spur…

Ein kollegiales Weiterdenken für Lehrerinnen und Lehrer

Beruflich wie auch privat sind wir eingebettet in eine Welt unzähliger Paradoxien. Sie sind gleichsam das Urgestein der Wirklichkeit und verführen uns nicht selten zu Handlungen, die am Ende das Gegenteil dessen erreichen, was ursprünglich angestrebt wurde.
Zugleich aber beinhaltet der richtige oder besser 'sinnvolle' Umgang mit diesen Paradoxien auch einen lohnenswerten Reichtum. Die Voraussetzung dazu ist eine Haltung, die sich auf die Kehrseiten seelischen Erlebens einlassen kann und dabei die Fähigkeit entwickelt, wahrzunehmen, in welche Prozesse wir als Lehrer 'auch' eingebunden sind.

Bekanntlich lernen Lehrer ihren Beruf nicht während des Studiums oder während des Vorbereitungsdienstes (Referendariat), sondern in den ersten Jahren des beruflichen Alltags selber. Einmal dort angekommen, sehen sie sich als Berufseinsteiger jedoch nicht selten Problemen gegenüber, für die sie in ihrer Ausbildung 'irgendwie' nicht oder nicht genügend ausgerüstet wurden.

"Auf der Suche nach einer Haltung" versteht sich als eine offene Seminarreihe, die sich diesen Problemen stellt um neue und fruchtbare Perspektiven im Umgang mit diesen zu entwickeln. Es richtet sich an Lehrerinnen und Lehrer und wird von der 'Arbeitsgemeinschaft Bildanalytische Forschung' unterstützt. 

Informationen und Termine erhalten Sie gerne unter meiner Praxis-Rufnummer oder unter meiner E-Mail-Adresse info@buschkotte.de
 

11.09.20

Der Erzieher als ein Rattenfänger?

Ein Beitrag aus der neuen Online-Zeitschrift "Unkraut". 

Einer der ersten Artikel der neuen Online-Zeitschrift "Unkraut" beschäftigt sich mit dem Erzieher als einen "Rattenfänger" in einer Kita-Gruppe.
Und sicherlich stellt sich nicht nur Eltern oder Erziehern die Frage: Ein Erzieher als Rattenfänger? Wie ist das möglich? Wie kann ein solches Bild im Rahmen eines pädagogischen "Diskurses" überhaupt auftauchen?
Gewiss: Im "Korsett" moral-pädagogischen Denkens hat ein solches Bild nichts zu suchen. Wer aber auf der Suche nach Sinn-Zusammenhängen ist, kann in dem Bild des Rattenfängers von Hameln durchaus das ein oder andere entdecken, insbesondere was für Lehrer- oder Erzieher-Haltung mehr als nur sinnvoll sein kann.
Hier gehts zum Artikel

 

Wo immer sich ein neues psychologisches Denken entwickelt wird es im "misch"-wissenschaftlich angelegten "psychologischen" Garten selbstverständlich als ein Unkraut angesehen.
Aber Unkraut vergeht nicht! Vielmehr erblüht es gerade hier wieder. Die neue Online- Zeitschrift "Unkraut - Psychologie: bildanalytisch und paradox" sucht einem besonderen psychologischen Denken den nötigen Raum zu geben. 
Zur Online-Ausgabe "Unkraut" 

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