Samstag, 26. Juni 2010

Der Lehrer als Bergführer

Lehrer, die ihr Engagement bis tief in ihr eigenes Privatleben hinein ausdehnen, machen im Grunde ihren Beruf zum Hobby. Der Lehrerberuf ist aber kein Hobby, sondern ein Beruf. In der (heutigen) Pädagogik geht man davon aus, dass ein Lehrer für alle (Schüler und deren Eltern) persönlich da sein soll. Das mag an sich richtig sein, aber es ist etwas Grenzenloses darin enthalten, was Probleme birgt. Ich denke vielmehr: Gerade weil ein Lehrer für "alle" da zu sein hat – ist er nicht für "alles und für jedes" da.

Versuchen wir einmal, die Arbeit eines Lehrers nach dem Bild eines "Bergführers" zu verstehen. Dann ist der Lehrer jemand, der eine Gruppe von Jugendlichen durch eine Berglandschaft begleitet. Er kennt diese Landschaft, weil er bestimmte Ecken davon studiert hat (vielleicht Englisch, Biologie oder Religionswissenschaft z.B.). Die Schüler sollen am Ende "über den Berg" kommen und dabei das eine oder andere von dieser Landschaft erfahren. Ziel ist es dabei nicht, besonders tolle Leistungen zu erbringen. Ein Coachen auf Höchstleistungen von Einzelnen auf besondere Kenntnisse wie z.B. in der Pflanzen- oder Vogelkunde ist nicht das Ziel eines Bergführers und sollte auch nicht richtungsweisend sein für das Aufgabenverständnis eines Lehrers. Im Vordergrund steht das Herstellen von Erfahrungen in einer interessanten Landschaft, und das gemeinsame und mit Gewinn "Über-den-Berg-kommen" einer ganzen Gruppe. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass der Bergführer hier und da mal etwas "Nachhilfe" leisten muss, ein Pflaster aufklebt oder jemanden ermutigt, sich auf seine eigenen Kräfte zu besinnen, um weitergehen zu können.

Grundsätzlich aber gilt für eine Bergwanderung, dass jeder Teilnehmer bestimmte physische und psychische Voraussetzungen erfüllen muss. Bringt ein Teilnehmer bestimmte Voraussetzungen nicht mit – etwa das längere Ausschreiten an einem steilen Hang – kann und muss der Bergführer diesen Teilnehmer im Sinne der Gruppe von der Wanderung ausschließen (oder ihm einen speziellen Kurs empfehlen bzw. zuweisen, in dem diese Grundvoraussetzungen nachgelernt werden können). Das Bild des Bergführers beinhaltet auch, dass der "Berg-Lehrer" für den einzelnen Schüler nicht ständig oder nach Bedarf verfügbar ist – auch wenn genau dies häufig von Eltern wie auch Schülern erwartet wird. Ein Bergführer muss, will er seiner Aufgabe gerecht werden, eine Haltung entwickeln, die den Berg-Teilnehmern intuitiv und nachvollziehbar bestimmte Grenzen setzt. Ein Lehrer, der beispielsweise das Signal aussendet, er sei immer und umfassend für jeden einzelnen "persönlich" da, nimmt dem einzelnen Schüler die Chance, sich selber auf sein eigenes Leben hin zu entwickeln. Die besondere Berglandschaft und die "Gesetze des Berges" kennt der Gruppenteilnehmer oder, im übertragenen Sinne, der Schüler nicht.

Er ist auf seine eigenen Vorerfahrungen angewiesen und muss unter der Anleitung des Bergführers und im Verbund mit den anderen sich ein eigenes Bild davon erarbeiten. Das kann ihm der Bergführer nicht abnehmen – so, wie es auch der Lehrer dem Schüler nicht abnehmen kann, sich seine eigene Landschaft zu erlaufen. Ein falsch verstandenes oder überzogenes Engagement eines Lehrers würde ein falsches Signal sein. Und das gilt auch und besonders für die Eltern, die zu den Lehrern ihrer Kinder (aus Not und Unsicherheit) oftmals genau so "unersättlich" sind wie die Schüler selber.

Ein Lehrer, der nicht in der Lage ist, an den richtigen Stellen die richtigen Grenzen zu setzen, wird auf Grund von diesen unausgesprochenen Erwartungen sehr schnell erpressbar, da es bei ihm ja keine klar erkennbaren Grenzen gibt. Lehrer müssten im Grunde von Beginn an (zum Beispiel in kleinen Gruppen) lernen, was es bedeutet, eine Bergführer-Haltung zu entwickeln. Eine solche neu verstandene Haltung würde dann auch den Bedürfnissen der Lehrer selber gerecht werden. Denn genau die bleiben bei einer falsch verstandenen Haltung oftmals auf der Strecke – und verirren sich nicht selten am Ende in eine Art ständiger "Verbiesterung" (burn-out) gegenüber allem, was Schule und Schüler betrifft.

Kommentare:

  1. Hallo Markus,
    zum Schluss sprichst Du den Punkt an, dass ein Lehrer vielleicht auch Bedürfnisse hat ;-) und dass er diesen in dem Bild des Bergführers auch folgen kann, statt sie in etwas anders umkippen zu lassen (Verbiesterung, Bürn-out).
    Spannend: was hat der Lehrer für typische Bedürfnisse? Wenn ich mir jetzt den Berführer als Analogie wieder vornehme bekomme ich eine Vorstellung davon, was das sein könnte: Er teilt gerne das, was er liebt mit interessieren Anderen (gemeint: die Berglandschaft mit ihren schönen Ausblicken und Besonderheiten). Er liebt es vielleicht, den kleine Vorsprung zu haben, und mit kleinen Hilfestellungen in einem Kontakt zu sein. Vielleicht liebt er es das Staunen in den Augen der anderen zu sehen, und sieht es schon voraus, bei der Planung einer Route. Er liebt vielleicht auch das Gemeinschaftsgefühl, eine längere Strecke geschafft zu haben, irgendwo angekommen zu sein (Arbeit geschrieben, alle Mann sind durch etc.).
    Naja, ich habe halt mal so was fantasiert. Vielleicht gibt es aber auch Bedürfnisse, die nicht so in das Bild passen, also, wenn er es besonders liebt Richter zu spielen oder eine Bühne für besonderes Wissen zu finden... da wirds dann schon etwas fraglich, oder?
    Vielleicht regt das den einen oder anderen, der mitgelesen hat ja noch an ;-)
    Werner

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  2. hier noch ein kabarettistischer Beitrag
    - sehr gut, mit vielen schönen Ideen - ;-)

    http://www.youtube.com/watch?v=Y7ww9p2MQVg&feature=player_embedded

    Werner

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  3. Hallo Werner,
    vielen Dank für den kabarettistischen Beitrag.
    ;-)
    Ich stell' hier einmal die "Link-Adresse" von Dir als echten Link rein - dann braucht man nur zu klicken.
    Eine Antwort von mir kommt später auch noch.
    Hier erstmal der Link:
    Volker Pispers über die Lehrer

    Viele Grüße
    Markus

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