Freitag, 14. September 2018

Die Illusion vom Menschen als Individuum

Die in den westlichen Gesellschaften breit angelegte Wertschätzung des Individuums teilte der Philosoph Friedrich Nietzsche nicht. Die Vorstellung, dass ein Subjekt sich als Verursacher seiner eigenen Gedanken und deren Wirkungen versteht, wird von Nietzsche entschieden abgelehnt.
So ungewöhnlich und geradezu provokant Nietzsches ‚Psychologie‘ heute auch daherkommen mag:
Für das Verstehen des Haltungsbegriffs ist Nietzsches Perspektive von zentraler Bedeutung, lenkt sie doch den „psychologisch/pädagogischen“ Blick vom Individuum weg auf die Prozesshaftigkeit allen Geschehens.
Im Folgenden wird dazu der philosophische Hintergrund von Nietzsches ‚Subjektkritik‘ in groben Zügen dargestellt.


Der Subjektbegriff als Konstruktion des Denkens 1)

Nietzsche verwendet Begriffe wie ‚Subjekt‘, ‚Ich‘, ‚Individuum‘, ‚Person‘ (seltener auch ‚Seele‘) in einem sehr weiten Sinne und oftmals synonym. Allerdings unterscheidet Nietzsche sehr genau zwischen dem Subjekt und dem Subjektgefühl. Was sich dem Individuum als freier und einheitlicher Wille darstellt, ist kein einheitliches Wesen, sondern das Ergebnis eines Kampfes höchst unterschiedlicher Kräfte und Triebe. Ähnlich dem Willen oder dem Bewusstsein ist auch das Subjekt zunächst einmal nichts weiter als eine Kraft, die mit sich ringt und sich im Überbieten erhalten will. Eine Subjekt-Einheit im Sinne eines Subjekt-Atoms gibt es bei Nietzsche nicht, vielmehr stellen psychologische Kategorien wie Bewusstsein oder Wille eine Vielheit an Strömungen dar, die beständig miteinander im Kampf liegen. (KSA XII, 391f.)

Möglicherweise, so Nietzsche, „empfinden wir die Grade der Kräfte und Triebe, wie Nähe und Ferne und legen uns wie eine Landschaft Ebenen aus, was in Wahrheit eine Vielheit von Quantitätsgraden ist.“ (KSA IX, 212) Das Ergebnis dieser verborgenen Trieb- und Kräftemechanik wird als eine dem eigenen Wollen entsprungene Kraft interpretiert, wobei jedoch übersehen wird, dass es sich hierbei weit mehr um intrapsychische Kämpfe zwischen unterschiedlichen personenartigen Kräften handelt. Das „‚Subjekt‘“, schreibt Nietzsche, „ist eine Fiktion, als ob viele gleiche Zustände an uns die Wirkung Eines Substrats wären“. (KSA XII, 465)

Mit dieser Kritik hebt sich Nietzsche vom traditionellen Subjektverständnis ab. Ein Subjekt an sich gibt es ebenso wenig wie ein Ich oder ein Individuum. Die Annahme, dass alle Wirklichkeitsdeutung subjektiv sei, ist schon deswegen eine Fiktion, da hier vorausgesetzt wird, dass hinter der Interpretation ein Interpret existiert. (vgl. KSA, XII, 315)

Nietzsche rüttelt mit dieser Erkenntnis an der Vorstellung eines vom Ich ausgehenden freien Denkens und Entscheidens. Wenn das Ich eine Fiktion ist, ist es auch nicht möglich, dieses als Ausgangspunkt des eigenen Denkens anzusehen. Stattdessen muss der Strukturierungsprozess eines Ich umgekehrt gedacht werden. Was bislang als Ich angesehen wurde, ist lediglich „eine Construktion des Denkens“ selbst, die die (nicht unwesentliche) Funktion besitzt, in einer Welt ständigen Werdens eine gewisse Beständigkeit und Überschaubarkeit herzustellen oder, mit Nietzsche gesprochen, „hineinzudichten“. (KSA XI, 526)


Das Täter-Tun-Prinzip

„‚Was giebt mir das Recht“, fragt Nietzsche, „von einem […] Ich als Gedanken-Ursache zu reden?‘“ (KSA V, 30) Nicht ‚ich denke‘, sondern ‚es denkt‘ wäre Nietzsche zufolge eine mögliche Formulierung. Es ist das Denken, dass das Ich erschafft, meint Safranski, und nicht umgekehrt. „In einer subtilen Analyse des Willens zeigt Nietzsche, daß man viel zu grobschlächtig darüber nachgedacht hat.“ (Safranski, Nietzsche 312) Allerdings geht auch Safranskis Einwand für Nietzsche im Grunde nicht weit genug, setzt seine Formulierung doch voraus, dass sich hinter dem Denken noch jemand verbirgt, der dieses Denken bedingt. „‚Es wird gedacht: folglich giebt es Denkendes‘: darauf läuft die argumentatio des Cartesius hinaus. Aber das heißt, unsern Glauben an den Substanzbegriff schon als ‚wahr a priori‘ ansetzen: – daß, wenn gedacht wird, es etwas geben muß, ‚das denkt‘, ist aber einfach eine Formulirung unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Thun einen Thäter setzt.“ (KSA XII, 549)

Diese Täter-Tun-Kritik gehört zu den zentralen Gedanken von Nietzsches Psychologie. Ein Subjekt, das annimmt, der Ausgangspunkt seiner Gedanken zu sein, konstruiert eine Wirklichkeit, die es nicht gibt. Schon die Annahme des Individuums, sich selbst zu kennen, stellt für Nietzsche einen groben Fehlschluss dar. „Der größte Theil unseres Wesens ist uns unbekannt. Trotzdem lieben wir uns, reden als von etwas ganz Bekanntem, auf Grund von ein wenig Gedächtnis. Wir haben ein Phantom vom ‚Ich‘ im Kopfe, das uns vielfach bestimmt.“ (KSA VIII, 561)

Es ist dem Individuum nicht möglich, sich von seinem Subjektgefühl zu trennen, ein Gefühl, dass in alle Bereiche der Wirklichkeit hineinreicht. „Es ist der Glaube an das Lebendige und Denkende als das einzig Wirkende – an den Willen, die Absicht – daß alles Geschehn ein Thun sei, daß alles Thun einen Thäter voraussetze“. (KSA XII, 102) Der Gedanke, dass jedem Tun eine Ursache oder eine Absicht zugeordnet werden kann, ist eine Fiktion. Nietzsche geht davon aus, dass die gesamte menschliche Denkstruktur von diesem Täter-Tun-Prinzip durchwoben ist und auch die Grundlage des Glaubens an eine kausal verfasste Wirklichkeit bildet. Der Glaube an das Subjekt als wirkendes Wesen verführt nach Nietzsche zu einem Denken, das in seiner Weltbetrachtung von Annahmen ausgeht, die nie auf ihre grundlegende Verfasstheit hin überprüft worden sind.


„Pädagogisch“ gedachte Konsequenzen

Nietzsches Philosophie beruht auf einem Weltbild, in dem die Existenz des Individuums mit einer gängigen Vorstellung von Individualität und individueller Freiheit wenig zu tun hat. Nicht nur die Träume, auch die eigenen Gedanken sind nicht unmittelbar von einem Ich bewirkt, sondern entstehen nach ihrer eigenen Logik. Sie sind nicht kontrollierbar und führen unter den Bedingungen menschlicher Existenz gewissermaßen ein Eigenleben, an dem der Mensch zwar teilhat, über das er jedoch nicht verfügt. Nietzsche macht darauf aufmerksam, dass es nicht das Subjekt ist, das denkt, sondern dass das Denken so etwas wie ein Subjektgefühl überhaupt erst erschafft. Dieses geschaffene Subjekt erfährt sich selbst nur im Werden. Den Gedanken einer dem Subjekt zukommenden individuellen Freiheit lehnt Nietzsche ab.
Für den Lehrberuf insgesamt bedeutet dies, die Wirkung und Auswirkung der eigenen Person und des eigenen Wollens in einem bestimmten Maße zu relativieren. Lehrer gehen häufig davon aus, dass die Entwicklung des Schülers und dessen Umwelt sowie die der nachfolgenden Generationen geradezu ausschließlich an die Wirkung ihres "pädagogischen" Handelns gebunden sind. Die eigene Person zum Ausgangspunkt allen Wirkens zu erklären bedeutet allerdings aus der Perspektive von Nietzsches Subjekt-Kritik, sich gleichsam zu einer Art Ich-Gott aufzublähen und die Augen davor zu verschließen, in welche Prozesse man als Lehrer auch verwickelt ist.
Schon die einer Handlung vorangestellte Absicht ist nicht Anstoß einer Bewegung, sondern vielmehr das Ergebnis von Bewegungen, die erst im Nachhinein dieser Absicht ihre Bedeutung verliehen haben. Für ein Verstehen einer solchen Absicht bedarf es eines Verstehbarmachens des gesamten Kontextes und nicht der einzelnen Handlung an sich. Aus diesem Grunde fordert Nietzsche dazu auf, den Menschen als „Punkt im Werden“ zu verstehen und nicht „alles auf ihn hin zu construiren‘“. (KSA X, 231)

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1 Die folgenden drei Artikel dieses Essays wurden meiner Dissertation entnommen und für dieses Weblog leicht umgearbeitet (vgl. Kap. 2.6 sowie Kap. 2.6.3 meiner Promotionsschrift). Die Dissertation ist veröffentlich unter dem Link https://voado.uni-vechta.de/handle/21.11106/92 (Stand: 15.9.2018).

Sonntag, 4. März 2018

Handlung oder Haltung - ein pädagogisches Missverständnis

Gängiges pädagogisches Denken orientiert sich immer noch und ausschließlich am Handeln. Welche Möglichkeiten können sich für ein besseres Verstehen des Lehrberufes ergeben, wenn man jenseits dieses Denkens eine andere Perspektive einnimmt? Wir könnten dann den Blick auf den inneren Zusammenhang typischer Lehrerhandlungen richten und uns dabei auf die Suche nach einer Lehrer-Haltung begeben, ohne die ganze Komplexität selber auszulassen.
Und das ist es auch, was mich psychologisch an dem Beruf des Lehrers interessiert. In meiner Dissertation bin ich dieser Fragestellung ebenfalls nachgegangen. Den dort entwickelten Gedankengang möchte ich hier in unserem Themenrahmen gerne in einer Kurzversion (Abstract) vorstellen.


Abstract 1)

Die vorliegende Arbeit geht davon aus, dass für die Ausübung des Lehrerberufes eine Haltung sinnvoll ist, die ein Lehrerhandeln wie ein Ganzes in sich zusammenhält und dabei den vielschichtigen Herausforderungen des Berufes gerecht wird.
Eine Lehrer-Haltung soll sich abheben von dem vorherrschenden Modell einer so genannten Professionalität, welche allein auf Fertigkeiten gegründet ist. In der Theorie des impliziten Wissens (Neuweg, Polanyi) wird eine erste Umsetzung dieser Idee gesehen und vorgestellt. Darin wird der ‚Experte‘ oder ‚Könner‘ favorisiert. Nach diesem Modell ist das Handeln an der Sachlage ausgerichtet und von intuitiver Natur. Das ‚Wissen‘ des Lehrers erweist sich hier gleichsam erst im Tun selbst. Dieses Modell beinhaltet jedoch zwei Probleme. So fehlt dem Konzept des impliziten Wissens die Fähigkeit der Selbstreflexion. Implizites Wissen, das sich im Lebensprozess entwickelt hat, kann nämlich auch in implizite Blindheit umschlagen.
Gegen diese Gefahr einer sich verfestigenden Lehrer-Haltung wird als ergänzende Möglichkeit einer Selbstreflexion das philosophische Denken Nietzsches empfohlen. Nietzsches aphoristisches Denken und die besondere Berücksichtigung der Kehrseiten menschlichen Handelns können dazu ermutigen, sich von einem Denken in Systemen zu lösen und einen freien Umgang mit den Paradoxien und Widersprüchen des Alltags zu wagen. Ein zweites Problem besteht darin, dass die Theorie des impliziten Wissens nur eine grobe Übertragung ihrer Prinzipien auf den komplexen Schulalltag zulässt (erschwerte Übertragbarkeit).
Deshalb wird im Schlussteil dieser Arbeit das Denken einer bildanalytischen Psychologie und Entwicklungstherapie (Mikus) vorgestellt und als Werkzeug für die Einschätzungen und Gestaltung des schulischen Alltags empfohlen. Die ordnungsstiftenden Prinzipien eines bildanalytischen Denkens wirken nicht wie formalisierende Systeme, sondern wie die ‚übergreifenden Bilder‘ der jeweiligen Zusammenhänge selbst. Das führt zu einer Haltung eines kreativen Sich-zurechtfindens in immer neuen Zwischenwelten, die an die jeweiligen Verhältnisse angepasst sind. Eine solche Haltung beruht nicht auf vorab gelernten Fertigkeiten oder einfacher Intuition, sondern auf der erworbenen Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge bildhaft wahrnehmen und mit ihnen angemessen umgehen zu können.
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1 Bei dem angführten Text handelt es sich um das Abstract meiner Dissertation mit dem Titel "Auf der Suche nach einer Haltung". Die Arbeit findet sich auf dem Server der Universität Vechta und ist einsehbar unter der Adresse https://voado.uni-vechta.de/handle/21.11106/92  (Stand: 4.3.2018)


Kurzdarstellung der einzelnen Beiträge

Die Illusion vom Menschen als Individuum

Die in den westlichen Gesellschaften breit angelegte Wertschätzung des Individuums teilte der Philosoph Friedrich Nietzsche nicht. Die Vors...